Viele Hundebesitzer kennen diese Situation:
Eigentlich sollte es nur eine kurze, schöne Spielrunde werden. Doch plötzlich wird der Hund immer hektischer, springt, zwickt, rast völlig überdreht durch die Gegend und findet danach kaum noch zurück in die Ruhe.
Schnell entsteht dann der Eindruck, der Hund sei „zu wild“, „hyperaktiv“ oder einfach nicht kontrollierbar.
Doch genau das greift oft zu kurz.
Hundetrainerin Ellen Marques, Inhaberin der Martin Rütter Hundeschule Köln und bekannt aus TV-Formaten wie „Der Hundeprofi“ und „Die Unvermittelbaren“, erklärt, dass hinter diesem Verhalten meist etwas ganz anderes steckt: fehlende Selbstregulation.
Spielen aktiviert mehr als nur Spaß
„Spiel aktiviert nicht nur die Spaßsysteme, sondern auch Jagd-, Kontroll- und Konfliktsysteme“, erklärt Ellen Marques.
Das bedeutet:
Beim Spielen laufen im Hundekörper und im Nervensystem viele Prozesse gleichzeitig ab.
Besonders dynamische Spiele – etwa Rennen, Zergeln oder wilde Bewegungsabläufe – sprechen oft dieselben Systeme an, die auch bei Jagdverhalten oder starker Erregung aktiv werden.
Gerade temperamentvolle und agile Hunde reagieren darauf sehr intensiv.
Und genau deshalb kippt Spiel bei manchen Hunden schnell von „Spaß“ in Übererregung.
Wenn die Selbstregulation fehlt
Der entscheidende Punkt ist laut Ellen Marques die Fähigkeit zur Selbstregulation.
Also die Fähigkeit des Hundes:
- sich trotz Aufregung wieder herunterzufahren
- Impulse auszuhalten
- Frust zu regulieren
- zwischen Aktivität und Ruhe wechseln zu können
Viele Hunde haben genau das jedoch nie richtig gelernt.
Das bedeutet nicht, dass sie „schwierig“ sind. Oft fehlt ihnen schlicht die Erfahrung und Anleitung, mit hoher Erregung sinnvoll umzugehen.
„Viele Hunde brauchen Hilfe bei der Selbstregulation“, sagt Ellen Marques.
Warum gerade dynamische Hunde schnell hochfahren
Besonders Hunde mit viel Energie und hoher Motivation neigen dazu, im Spiel extrem aufzudrehen.
Und genau diese Hunde machen oft auch besonders viel Spaß im gemeinsamen Spiel.
„Es macht total Bock, dynamisch zu spielen – gerade mit agilen Hunden“, erklärt Ellen Marques.
Das Problem entsteht allerdings dann, wenn die Dynamik dauerhaft steigt und der Hund nie lernt, wieder bewusst herunterzufahren.
Denn ohne diese Balance bleibt der Hund emotional ständig „unter Strom“.
Ruhe ist trainierbar
Die gute Nachricht: Selbstregulation lässt sich trainieren.
Und zwar nicht, indem man Spiel komplett vermeidet – sondern indem man es sinnvoll strukturiert.
Laut Ellen Marques gehören dazu vor allem:
- Ruhephasen im Spiel
- kontrollierte Abläufe
- bewusstes Warten
- Impulskontrolle
- klare Start- und Endsignale
Das Ziel ist nicht, dass der Hund nie aufgeregt ist. Aufregung gehört zu Spiel durchaus dazu.
Wichtig ist vielmehr, dass der Hund lernt, mit dieser Erregung umzugehen.
Warum Spielzeug dabei helfen kann
Besonders spannend ist dabei der Einsatz von Spielzeug im Training.
Denn Spielzeug kann nicht nur aktivieren, sondern auch gezielt genutzt werden, um Kontrolle und Ruhe aufzubauen.
„Spielzeug kann im Training eine große Hilfe sein“, erklärt Ellen Marques.
Zum Beispiel indem:
- der Hund vor dem Spiel warten muss
- kurze Ruhephasen eingebaut werden
- Spiel kontrolliert gestartet und beendet wird
- Impulskontrolle Teil des Spiels wird
So lernt der Hund Schritt für Schritt, dass hohe Motivation nicht automatisch Kontrollverlust bedeutet.
Der Fehler liegt oft nicht im Hund
Viele Hundehalter denken zunächst, ihr Hund sei „zu wild“ oder „überdreht“.
In Wahrheit fehlt oft einfach ein strukturierter Umgang mit Spiel.
Wenn Spiel immer nur maximale Action bedeutet, lernt der Hund genau das: immer schneller hochzufahren.
Fehlt dagegen die Balance aus Aktivität und Regulation, entsteht langfristig häufig ein Hund, der im Spiel kaum noch abschalten kann.
Fazit: Spielen darf wild sein – aber nicht grenzenlos
Spiel ist wichtig für Hunde. Es stärkt die Beziehung, sorgt für Motivation und macht vielen Hunden große Freude.
Doch Spiel braucht auch Struktur.
Denn gerade bei dynamischen Hunden reicht „einfach spielen“ oft nicht aus.
Die wichtigste Erkenntnis aus der Praxis von Ellen Marques lautet deshalb:
Nicht die Aufregung selbst ist das Problem – sondern der fehlende Weg zurück in die Ruhe.
Genau deshalb gehören Impulskontrolle, klare Abläufe und bewusste Regulation genauso zum Spiel wie Spaß und Action.
Denn am Ende ist gutes Spiel nicht das lauteste oder wildeste – sondern das, bei dem der Hund auch wieder entspannen kann.
